Notiz
Karl Hess ( 1923 - 1994 ) war Schriftsteller und libertärer Aktivist. Er trat in die „Libertarian Party“ (Libertäre Partei) ein und war von 1986 bis 1990 Herausgeber der Zeitung dieser Bewegung. Dieser kurze Text ist ursprünglich 1980 in der Zeitschrift „ The Dandelion“ erschienen. Er betont die Position, die bereits von einem amerikanischen Wissenschaftler Dr. Maryson, vorgestellt wurde (siehe: Einige falsche Ansichten über den Anarchismus). Für ihn bedeutet Anarchie, Freiheit und Freiwilligkeit in Form von Selbstorganisation. Aus diesem Grunde sollte niemand innerhalb der anarchistischen Bewegung auf die Idee kommen, einen der vielen „ismus“ (Kapitalismus, Kommunismus, Mutualismus ( Gegenseitigkeit ) vorzuschreiben, welchem ein Anarchist folgen müsse.
Diese Botschaft ist extrem wichtig vor allem heute, wo das Interesse für die Anarchie wächst und einige Personen, die sich zum Anarchismus bekennen, energisch dafür kämpfen, ihr Modell zu promoten (um nicht zu sagen durchzusetzen), sei es nun Anarcho-Kommunismus oder Anarcho-Kapitalismus. Für all diese lautet die Botschaft von Karl Hess: Anarchisten sind weder Anarcho-Kommunisten noch Anarcho-Kapitalisten, denn „ es braucht keine Zusätze zum Wort Anarchismus.“
Quelle: Karl Hess, Anarchy without Hyphens, 1980.
Es gibt nur eine Sorte von Anarchisten. Nicht zwei. Bloß eine. Ein Anarchist, die einzige Sorte, definiert durch die lange Tradition und Literatur der Position selbst, ist eine Person, die sich der durch die hierarchische Macht des Staates erzwungenen Autorität entgegensetzt. Die einzige Ausdehnung davon, die mir sinnvoll erscheint, ist zu sagen, dass ein Anarchist sich jeder erzwungenen Hierarchie entgegenstellt. Ein Anarchist ist ein Voluntarist.
Nun, darüber hinaus sind Anarchisten auch Menschen und enthalten als solche die milliardenfach facettierten Spielarten jedes Menschen. Manche sind Anarchisten, die freiwillig zum Christuskreuz stiefeln. Manche sind Anarchisten, die freiwillig zu den Gemeinden heiss geliebter, begeisternder Vaterfiguren strömen. Manche sind Anarchisten, die sich bemühen, die Syndikate freiwilliger Industrieproduktion zu errichten. Manche sind Anarchisten, die freiwillig danach streben, die ländliche Produktion der Kibbuzim aufzubauen. Manche sind Anarchisten, die sich freiwillig darum bemühen, alles aufzulösen, einschließlich ihrer eigenen Bindungen an andere Menschen; die Einsiedler. Manche sind Anarchisten, die freiwillig nur mit Gold handeln werden, niemals kooperieren und ihren Umhang schwingen. Manche sind Anarchisten, die freiwillig die Sonne und ihre Energie verehren, Dome bauen, bloß pflanzliche Nahrung zu sich nehmen und Dulcimer spielen. Manche sind Anarchisten, die die Kraft von Algorithmen verehren, seltsame Spiele spielen und in seltsame Tempel eindringen. Manche sind Anarchisten, die bloß die Sterne sehen. Manche sind Anarchisten, die bloß den Dreck sehen. Sie entspringen einer einzigen Saat, unabhängig der Blüte ihrer Ideen. Die Saat ist Freiheit. Und das ist alles. Es ist keine sozialistische Saat. Es ist keine kapitalistische Saat. Es ist keine mystische Saat. Es ist keine deterministische Saat. Es ist einfach eine Aussage. Wir können frei sein. Danach ist alles Auswahl und Glück.
Anarchismus und Freiheit sagen nichts darüber, wie sich freie Menschen verhalten werden oder welche Vereinbarungen sie treffen werden. Sie sagen einfach, dass Menschen die Fähigkeit besitzen, die Vereinbarungen selbst zu treffen. Anarchismus ist nicht normativ. Er sagt nicht, wie jemand frei zu sein hat. Er sagt bloss, dass Freiheit Freiraum existieren kann. Vor Kurzem las ich in einer libertären Zeitschrift die Aussage, dass Libertarismus eine ideologische Bewegung sei. Das mag er sein. In einem Konzept von Freiheit hat er sie du ihr oder wir hat jeder die Freiheit, sich für eine Ideologie zu engagieren oder für irgendetwas anderes, das nicht andere zwingt und dadurch ihre Freiheit verleugnet. Aber Anarchismus ist keine ideologische Bewegung. Es ist eine ideologische Aussage. Sie sagt aus, dass alle Menschen eine Fähigkeit zur Freiheit besitzen. Sie sagt, dass alle Anarchisten Freiheit wollen. Und danach ist sie still. Nach der Pause dieser Stille stellen Anarchisten die Stufen ihrer eigenen Gesellschaft und Geschichte und verkünden ihre eigene Ideologie, nicht die des Anarchismus; Sie sagen, wie sie - wie sie als Anarchisten übereinkommen werden sich Ereignisse ausmalen, das Leben feiern und arbeiten werden.
Anarchismus ist die Hammeridee, die die Ketten durchschlägt. Freiheit ist das Ergebnis, und in Freiheit ist alles andere den Menschen und ihren Ideologien überlassen. Es ist nicht DIE Ideologie. Anarchismus drückt letztendlich aus, dass es keine solche grossgeschriebene herrschende Ideologie gibt. Er drückt aus, dass Menschen, die in Freiheit leben, ihre eigenen Geschichten schreiben und ihre eigenen Übereinkünfte finden.
Eine Person, die eine Welt beschreibt, in der sich jeder auf eine bestimmte Art und Weise verhalten müsse oder solle zu einer einzigen Trommel marschieren müsse, ist einfach kein Anarchist. Eine Person, die sagt, sie ziehe diesen oder jenen Weg vor, sich sogar wünscht, jeder ziehe diesen Weg vor, aber dann sagt, dass jeder selbst entscheiden muss, mag sicherlich ein Anarchist sein. Ist es wahrscheinlich.
Freiheit ist Freiheit. Anarchismus ist Anarchismus. Keines von beiden ist Schweizer Käse oder sonst etwas. Sie sind kein Eigentum. Sie stehen unter keinem Copyright. Sie sind alte jedem verfügbar Ideen, Teil menschlicher Kultur. Sie mögen auch mit Bindestrich geschrieben werden, aber tatsächlich schreiben sie sich nicht mit Bindestrichen. Sie bestehen alleine. Menschen, fügen Bindestriche und ergänzende Ideologien hinzu.
Freiheit ist letztlich keine Kiste, in die Menschen eingesperrt werden sollten. Freiheit ist ein Raum, in dem Menschen leben mögen. Sie erzählt nicht, wie sie leben werden. Sie drückt bloß für ewig aus, dass wir es können.